Grüne Bammental

Kreisverband Kraichgau-Odenwald

Der 19. Bammentaler Grünenfasching, bekannt unter dem Decknamen "Musik & Kabarett", inzwischen eine feste Institution im Gemeindeleben, hob sich wie immer sehr wohltuend vom Humm-Tää-TV Fasching des Rheinlandes ab. Die Veranstaltung steht ganz in der linksalternativen Tradition der "Stunksitzungen", die die Ausgelassenheit und geduldete Revolte des Karnevals mit anspruchsvollem Humor neu erfinden möchten. Das freie Wort als uraltes Merkmal des Faschings nicht in plumpen Witzen abgedroschen, sondern in höchster Form als politisches Kabarett mit spitzer Zunge vorgetragen gegen das Establishment. Die Veranstaltung hat inzwischen so viele Fans, dass die Karten quasi innerhalb weniger Minuten ausverkauft sind. Ein Sachverhalt, der den Veranstaltern, so Juliane Gräbener-Müller in der Begrüßungsrede, durchaus zu denken gibt. Man denke über Lösungen nach, eine dramatische Floskel, die bekanntlich in der Politik zu unmittelbaren Umsetzungen führt. Vielleicht möchten die Grünen auch diese Gesetzmäßigkeit durchbrechen?

Begrüßung durch Juliane Gräbener-Müller, Foto: (C) by Clemens Ditzel, 2015 Publikum, Foto: (C) by Clemens Ditzel, 2015

Die Veranstaltung der Bammentaler Grünen hat sich aber im Verlauf der Jahre neben der des Gassenfegers eine weitere faszinierende Eigenschaft erarbeitet: Sie gilt als Durchlauferhitzer für kabarettistische Nachwuchstalente. Wie sagte der diesjährige Top-Act Ingo Börchers so scheinbar süffisant: Bammental: Wer es hier schafft, schafft es überall. Doch tatsächlich finden sich Namen in der Kabarett-Chronik des Ortsverbandes der Grünen, die heute zu den ganz Großen der Deutschen Kabarettszene gehören: Christian Habekost alias Chako etwa spielte hier in der ersten Dekade der Veranstaltung vor 300 Zuschauern, heute füllt er Säle mit weit über 5.000 Gästen.
So muss man eigentlich nur darauf warten, wann Ingo Börchers bundesweit zur 1. Liga aufsteigen und für die Bammentaler ebenfalls nicht mehr zu finanzieren sein wird. Das geht auch noch einfacher: Man fange eben hier an, so wie die schrulligen Tanten namens NoName, die seinerzeit aus einer Bierlaune heraus ein Vorprogramm zum Grünenfasching beschlossen. Nicht mal einen Namen hatten sie, eben NoName. Und heute: Auftritte bundesweit vor großem Publikum und es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann sie im Fernsehen zu sehen sein werden und die ein oder andere ins Profilager wechselt. Und es bleibt zu hoffen, dass die grauen Tanten vom Typ alte Jungfer dann trotzdem ihre textuelle Schärfe und vor allem den Kurpfälzer Dialekt beibehalten.

NoName, Foto: (C) by Clemens Ditzel, 2015 NoName, Foto: (C) by Clemens Ditzel, 2015

NoName's vordergründiges Ziel ist es, das Publikum zum Lachen zu bringen, aber ihre Texte sind sehr tiefgründig. Etwa das Lied der reichen Deutschen: Mia sin so schää, so schää - mir g'höre zu da Hotvolä, die sich all zu gerne zeigen mit ihrem Reichtum und die Welt gerne so beibehalten würden, wie sie ist. Und auf die Bitte des Kindes, Mama ich hätt' gern Hartz-4, antworten: Kind ma kann nett alles hawwe! Der Alltag einzig bestimmt von der Frage, was man denn nun anziehen solle: Das ist die Frage aller Fragen, was soll ich morgen Abend tragen? Schließlich geht's einem ja gut, anderen halt nicht, das soll eben so bleiben und da darf doch mal die geheime Frage erlaubt sein: Sind wir nicht alle ein bisschen Pegida?
Gleich darauf folgt der harte Sprung in die Flüchtlingsproblematik, Hotvolä, was zieh ich an und dann: Unser Boot ist voll, doch Ihr bringt uns in die Miesen, Asylanten könn' nichts kaufen, wir schaun weg , wenn sie ersaufen.
Wie gesagt, NoName macht Spaß, aber die Schärfe der Inhalte bleibt im Bewusstsein und lässt immer wieder erschaudern, begreift man doch, dass die scheinbare Überzeichnung offensichtlich gar keine ist. Resümee: Die Texte von NoName sind feinste Kabarett-Wortakrobatik auf höchstem Niveau. Doch frau kann auch nur ganz unpolitisch lustig sein und am Ende gar einen kurzen Blick auf die scharfen Gründe unter den Kirchenchor-Outfits gewähren.

Der Profi Kabarettist Ingo Börchers sagte später, er hätte echt gedacht "Oh Mann, und jetzt muss ich da raus, das wird schwierig nach dem Vorprogramm".

Ingo Börchers, Foto: (C) by Clemens Ditzel, 2015 Ingo Börchers, Foto: (C) by Clemens Ditzel, 2015

Doch es lief auch für ihn. Börchers kam als IT-Kabarettist (IT= Informationstechnologie) daher mit seinem Programm "Die Welt ist eine Google" - und das war nicht sächsisch gemeint. Wie Charlie Chaplin in "Moderne Zeiten" zwischen die Zahnräder der Maschinen gerät, stolpert Börchers als unwissender User in die Zahnräder der alles ergreifenden Computer-Kraken, mit denen wir einkaufen, verreisen, Freunde finden, löschen und verwalten oder ein Second life führen können, - obwohl man noch nicht mal das erste im Griff hat. Sogar Gott - so der Entertainer - hat den Anschluss verpasst. Googelt man Google, gibt es eine Milliarde Treffer. Googelt man hingegen Gott, gibt es nur 100 Millionen Treffer (Anm.: 150 Millionen). Und geht man auf www.gott.com, so folgt: "Welcome to gott.com! Under Construction" Vielleicht sollten Google und Gott fusionieren, so hätte die Allianz eine so überzeugende Treffer-Mehrheit, dass andere Religionen aufgeben müssten. Im Stile solch phantastischer Erörterungen raste Börchers zwei komplett spannende Stunden über die Datenautobahn und das ohne Bremsen und Virenscanner. Das zweistündige Programm bot gar das Doppelte zum Preis von Einem. Denn Börchers spricht zwar klar aber mit so atemberaubendem Tempo, dass man sich fragt, wie das überhaupt memotechnisch machbar sein sollte. Am Ende wusste der gebannte Zuhörer nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Und was er da so mit "Links" machte, führte zur kompletten Vermengung von online und offline in den Köpfen der Zuschauer. Wen wundert's, dass sowohl die NoNames (die nach einem (neuen) Namen suchen, aber die die Namenslosigkeit nicht mehr loskriegen) als auch Börchers mehrfach in die Zugabe-Pflicht getrieben wurden. Alles in allem ein Super-Abend.

Allein die Party-Qualitäten von Band und Zuschauern im Nachspiel ließen zu wünschen übrig. Denn nachdem die Herren der Band die ersten mutigen Tänzer mit dem Stehblues "Summertime" bekämpft hatten, leerte sich der Saal recht zügig.
Und als das liebliche Glöcklein am Dörndl Mitternacht geschlagen hatte, zogen augenscheinlich viele der gesetzten Spontis, Alt-68er (68+) und Ex-Straßenkämpfer das kuschelige Deckbettlein ans Kinn und schlummerten bieder dem sonntäglichen Kirchgang oder Golfspiel entgegen....

(Mde)

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